Gastkommentar: Ein Marshall-Plan für die US-Golfküste
VON GÜNTER BISCHOF
Nach der Katastrophe an der US-Golfküste können die Europäer mit einem "Marshall-Plan in umgekehrter Richtung" helfen.
In Mitteleuropa sind nach dem Zweiten Weltkrieg verwüstete Metropolen wie Wien und Berlin übrig geblieben. Verwüstete nicht ungleich dem heutigen New Orleans. Sie sind mit viel Elan wieder aufgebaut worden. Staatliche Wiederaufbauprogramme und die Hilfe der Besatzungsmächte machten den Anfang.
Zuerst mussten die Engpässe der zertrümmerten Volkswirtschaften überwunden werden. Die Infrastrukturen mussten wieder aufgebaut, Straßen und Bahnen repariert, Rohmaterialien wie Kohle für Industrie und Haushalte besorgt, der Nahrungsnachschub organisiert werden. Ab 1948 setzte dann das von der US-Regierung verabschiedete "Europäische Wiederaufbauprogramm" ein. Ein solcher Marshall-Plan "in reverse" wird auch für die verwüstete Golfküste notwendig sein.
Es bedarf nicht nur einer riesigen nationalen Anstrengung der Amerikaner, den Hafen von New Orleans, der das gesamte Herzland des amerikanischen Binnenlandes zwischen Rocky Mountains und Mississippi bedient, wieder in Schuss zu bringen. Auch die lebenswichtigen Öl- und Gasförderanlagen und Raffinerien des Golfes von Mexiko, die den Benzinpreis auf den Weltmärkten mitentscheiden, müssen wieder in Schuss gebracht werden. Das überschwemmte New Orleans, mit seinem schillernden Kulturerebe, wird am dringlichsten Hilfe brauchen.
Die internationale Gemeinschaft wird mithelfen müssen. Die heute reichen europäischen Nationen, denen der Marshall-Plan vor 50 Jahren maßgebliche Hilfe zur Verfügung stellte, sollten die ersten im Anbieten von großzügigen staatlichen Hilfsgeldern für die Golfküste sein.
Eine der Hauptzielrichtungen des Marshall-Planes war es, allen Klassen der Gesellschaft zu helfen. Mit der Unterstützung von Arbeitern und Bauern wollte Washington damals ein Signal setzen, den Klassenkampf in Europa zu beenden. Mit einer "Politik der Produktivitätssteigerung" sollten alle Menschen zu Wohlstand kommen. Ein Wiederaufbauprogramm für die US-Golfküste wird die Minderbemittelten miteinschließen müssen, vor allem die arme schwarzen Bevölkerung. New Orleans wird seine afroamerikanischen Musiker brauchen, um der Stadt die einzigartige kulturelle Vielfalt wiederzugeben.
Es war der Genius des Marshall-Planes einen entscheidenden Beitrag zur Integration der westeuropäischen Wirtschaft zu leisten. Über die Anregung der Amerikaner koordinierte die öffentliche Hand den Wiederaufbau und die Integration. Die 16 teilnehmenden Länder trafen sich regelmäßig in Paris um den Bedarf an Marshall-Plan-Hilfsmitteln abzustimmen. Auch der innereuropäische Handel und Zahlungsverkehr wurden angeregt. Damit profitierten die europäischen Teilnehmerländer nicht nur von der US-Direkthilfe, sondern auch vom neuen Geist der europäischen Kooperation. Aus national denkenden Politikern wurden Europäer.
Amerikanische ERP-Offizielle überprüften die Verwendung der Hilfsmittel. Der Kongress war es dem US-Steuerzahler schuldig, dass keine Mittel verschwendet wurden. Ein gut koordiniertes und überwachtes nationales und internationales Hilfsprogramm für die Golfküste sollte ähnliche Langzeiteffekte erzielen.
Man sollte auch einen anderen wichtigen Faktor nicht aus dem Auge verlieren. Generöse EU-Hilfsprogramme für die Golfküste werden der amerikanischen Öffentlichkeit beweisen, dass das "alte Europa" nach wie vor der verlässlichste Freund Amerikas ist. Die Amerikaner waren die besten Freunde der Europäer nach dem Krieg. Nun ist die Zeit gekommen, dass die Europäer mit einem "Marshall-Plan in umgekehrter Richtung" helfen.
Günter Bischof ist Professor für amerikanische Geschichte an der Uni von New Orleans. Er unterrichtet derzeit von dort geflüchtete Studenten in Baton Rouge.
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