"Die Insel der Seligen“
Wednesday, July 19, 2006 at 12:10PM Von Günter Bischof
Erste Opfer, letzte Täter. Konrad Paul Liessmann geht den Legenden und Lebenslügen der Zweiten Republik nach.
Die Reihe "Österreich - Zweite Re publik", die von der Kulturabtei lung der Stadt Wien zum Anlass der Jubiläumsjahres 2005 initiiert wurde, soll in 20 handlichen roten Bändchen die wichtigsten Themen der Nachkriegsgeschichte einem breiten Publikum näher bringen. Diese Essays wollen keine "Summa" bieten, sondern geistreiche Einstiege ermöglichen, und als solche sind sie durchaus gelungen. Für sein volksbildnerisches
Projekt einer roten Reihe, in der alten sozialdemokratischen Tradition der Stadt Wien, hat Hubert Christian Ehalt so manche der besten heimischen Köpfe gewonnen.
Der Philosoph Konrad Paul Liessmann geht das historische Thema der österreichischen Erinnerungen der Nachkriegszeit geschichtsphilosophisch an und kümmert sich wenig um Ereignisgeschichte. Liessmann glänzt als
Essayist und schreibt flott. Auf knapp 70 Seiten geht er sein Thema in drei theoretischen Kapiteln zu Erinnerung und Gedächtnis, Topoi und politischer Mythologie an, um dann in konkreten Fallstudien die zentral wichtigen "Erinnerungsorte" Heldenplatz, Opfermythos und Lebenslüge, sowie die "Insel der Seligen" genauer unter die Lupe zu nehmen.
Er definiert Gedächtnisorte sehr breit als Topoi, die nicht wegen ihrer "materiellen Gegenständlichkeit", sondern wegen ihrer "symbolischen Funktion" Bedeutung erhalten. Sie sind in der österreichischen Topografie zwar festschreibbar, aber noch wichtiger als "imaginäre Orte" präsent. Wie etwa der Heldenplatz in Wien, sind sie voller
Pathos und definieren österreichische Identität. Erinnerungsorte werden oft von der Politik oder den Menschen konstruiert, indem jemand aktiv sich erinnert, "was dort geschehen ist".
Topoi können zu mythologischen Momenten gerinnen. Damit wird "Geschichte aufgeladen" und allgemein "verbindlich". Sie wird so zum Narrativ, zur nationalen Erzählung erhöht. "Verspätete" Nationen wie Österreich
konstruieren "Ersatzmythen", wie etwa den umstrittenen "Opfermythos" - die Nachkriegslegende von "Österreich als erstem Opfer Hitlers" der Gründerväter. Der Sinn solcher imaginierter Erinnerungsplätze ist eben nicht die Wahrheit, sondern die "Ausdeutung und Aneignung" der Vergangenheit durch Politiker, Intellektuelle sowie Journalisten und Medienleute, welche die jeweilige Geltung von Gedächtnisorten bestimmen und so die "master narratives" der nationalen Geschichte von Generation zu Generation neu definieren.
So fungiert der Wiener Heldenplatz als "Gedächtnisspeicher". Er ist mit der Massenversammlung vom März 1938 besetzt, bei der von Hitler der "Anschluss" verkündet worden war. Dort predigte auch Papst Johannes Paul II. 1983, traf sich "das andere" Österreich im Lichtermeer von 1993 und zur Kundgebung gegen die ÖVP-FPÖ-Regierung 2000. Man wollte in der Anzahl der versammelten Menschen die "Anschluss-Veranstaltung" übertrumpfen, um gegen den "Ungeist" von 1938 zu demonstrieren. Der Heldenplatz ist also ein zentraler Erinnerungsort voller Ambivalenzen.
In der Mutation von der "Opferthese" der Gründerväter zum "Opfermythos" und zur "Lebenslüge" - der Dechiffrierung des zynischen Selbstbetrugs in den 1980er-Jahren - kann Liessmann sehr treffend den Paradigmenwechsel des politischen Diskurses charakterisieren. Hier geht es um einen Kampf der Erinnerung zwischen den Nachkriegsgenerationen und die Reduzierung einer komplexen Geschichte auf einen Gedächtnisdiskurs über Opfer und Täter.
Konrad Paul Liessmann meint sogar, die moralisierenden nachgeborenen Historiker hätten die "obszöne Frage" aufgeworfen, wer nun den begehrenswerten Opferstatus verdiene. Er geht allerdings nicht so weit, die gesamte Zeithistorikerzunft über einen Kamm zu scheren, wie das die Diplomatin Gabriele Holzer mit ihrem Begriff der "gnadenlos Guten" tat. Trotzdem hält er nicht viel von Historikern, die sich als Richter aufspielen und mit ihrem aufklärerischen Drang "Lebenslügen" zerstören - und damit eigene übertünchen. Wer könnte da wohl gemeint sein?
Liessmann seziert am Ende dieses anregenden Büchleins den "geschichtsmächtigen Topos" der "Insel der Seligen". Papst Paul VI. prägte im November 1971 die Formel von Österreich als einer "Insel der Glücklichen" und der Publizist und Filmemacher Helmut Andics popularisierte sie mit seinem Buch "Insel der Seligen". Damit begann aber auch gleichzeitig die Denunzierung dieser Selbstbeschreibung in intellektuellen Kreisen. Die Formel hielt sich trotzdem als spezieller Österreich-Mythos. Es ist die säkularisierte moderne Fortsetzung des "Felix-Austria"-Mythos mit der Brückenfunktion im Kalten Krieg.
Für Liessmann sind die Topoi der "Lebenslüge" und Kritik am Mythos der "Insel der Seligen" "Negativ-Mythen" der Zweiten Republik. Der "Opfermythos" verschob sich im intellektuellen Diskurs zum "Tätermythos". Liessmann mag es, die Diskurse unter den Historikern zu verkürzen. Er argumentiert plakativ, eben wie es ein Geschichtsphilosoph tut, der wenig von der "positivistischen Geschichtswissenschaft" hält, die ins Archiv geht und Geschichte aus Quellen rekonstruiert. Ihm geht es in der Tat nicht um die historische Wahrheit an und für sich, sondern um narrative Strategien, Mythenkonstruktionen und historische Sinnfragen - und da sind Friedrich Nietzsche und Hans Blumenberg wichtigere Referenzpunkte als die Fakten. [*]
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