Der Tod einer amerikanischen Stadt?
Wednesday, July 19, 2006 at 12:05PM GASTKOMMENTAR VON GÜNTER BISCHOF
Verzweiflung und Enttäuschung kennzeichnen die Stimmung in New Orleans 100 Tage nach dem Hurrikan Katrina.
Vor gut 100 Tagen hat der Monster- Hurrikan Katrina große Teile der amerikanischen Golfküste zerstört und zu katastrophalen Überschwemmungen in New Orleans geführt. Nach anfänglichen Durchhalteparolen ("die Stadt wird größer und besser wieder aufgebaut werden"), beginnt jetzt die Wirklichkeit einzusetzen. Es wird viele Jahre dauern, bis New Orleans nur halbwegs wieder so dastehen wird, wie die lebenswerte Stadt vor dem 28. August existierte.
Verzweiflung und Enttäuschung kennzeichnen die jetzige Stimmung in der Mississippi-Metropole. Verzweiflung darüber, dass der Wiederaufbau von Infrastruktur so langsam vorangeht und deshalb Zehntausende New Orleanser nicht in die Stadt zurückkommen können, um persönlich mit dem Wiederaufbau ihrer Häuser und ihres Lebens zu beginnen.
Enttäuschung darüber, dass Präsident George W. Bush nichts als großartige Versprechungen macht ("we'll not just rebuild, we'll build higher and better"), die er aber nicht einhält, der Kongress in Washington wenig Interesse am Wiederaufbau von New Orleans zeigt und der Rest des Landes an "Katrina-Müdigkeit' leidet und das desperate New Orleans vergisst.
Der Anfang des Neuaufbaus von mehr als der Hälfte der überschwemmten Stadtteile stockt vor allem wegen der fehlenden Zusage des Kongresses in Washington, die Dämme der unter dem Meeresspiegel liegenden Stadt so zu verstärken, dass sie einem Hurricane der Stärke 5 (ca. 240 Meilen Windgeschwindigkeit) standhalten können und somit vor zukünftigen Überschwemmungen schützen.
Auch die sinkende Marschlandschaft südlich der Stadt, die in den letzten Jahren vom Golf weggespült wurde, muss in den nächsten Jahren stabilisiert und restauriert werden, um als Sturmdämpfer zu wirken. Diese Arbeiten werden mit 32 Milliarden Dollar veranschlagt. Das klingt nach sehr viel Geld, wären aber lediglich 1,2 Prozent der amerikanischen Staatsausgaben im laufenden Finanzjahr und würden sowieso über mehrere Jahre hinweg budgetiert werden. 32 Milliarden Dollar wären ein Drittel der 95 Milliarden an Steuersenkungen für die Allerreichsten des Landes, die das Repräsentantenhaus in der vergangen en Woche verabschiedet hat.
Den Vorwurf, den man jetzt tagtäglich an der Golfküste hört, ist der von verkehrten Prioritäten in Washington. Während die Bush-Regierung und der Kongress keine Kosten im Irakkrieg und in Afghanistan zu scheuen scheinen (es wurden dort bereits über 300 Milliarden Dollar ausgegeben), spielen sie die pfennigfuchsenden Sparmeister, wenn es um den Wiederaufbau der zerstörten Golfküste und New Orleans geht. Es wird Kongressabgeordenten der Vorwurf gemacht, lieber nach Bagdad als nach New Orleans zum Lokalaugenschein über das Ausmaß der Zerstörungen und Verzweiflung zu reisen.
Ein Gruppe der Zehntausenden Katrina-Vertriebenen haben vergangene Wochen Spenden von mehr als 10.000 Dollar gesammelt, um eine eine Anzeige im Organ des Kongresses "Roll Call" zu kaufen. Darin wurden die Abgeordneten daran erinnert, dass noch immer Zehntausende New Orleanser Bürger als "Flüchtlinge im eigenen Land" dahinvegetieren und vom Kongress erwarten, "als Speerspitze beim Wiederaufbau des Hochwasserschutzes zu agieren und eine der wichtigsten Städte der Nation vor dem Ruin zu bewahren". Der Kongress aber beginnt in diesen Tagen mit den Weihnachtsferien.
Das "Prinzip Hoffnung" leidet an Schwindsucht in New Orleans. Viele der Vertriebenen und Geschäftsleute von New Orleans werden nicht zurückkommen, wenn nicht eine hohe Sicherheit vor zukünftigen Überschwemmungen geschaffen wird. Mittlerweile ist die Stimmung derjenigen, die in New Orleans sind und am Wiederaufbau arbeiten, so düster wie stromlose Teile der Stadt in der Nacht geworden. Man hört beinahe jeden Tag von Selbstmorden - auch von Menschen die man einmal kannte (der Kinderarzt, der bei der Geburt von zweien unserer Kinder anwesend war, hat sich umgebracht).
Die "New York Times" hat in ihrem Haupt-editorial am vergangenen Sonntag zu Recht die Frage gestellt, ob Amerika "dem Tod einer amerikanischen Stadt" ruhig zuschauen kann. Falls die Prioritäten im Irak und bei Steuersenkungen für die Reichsten liegen, sollten die amerikanische Regierung und das Land zumindest den Mut haben, so die "Times", den Menschen von New Orleans reinen Wein einzuschenken, nämlich dass "Amerika zu bankrott und schwächlich ist, eine ihrer großartigsten Städte wieder aufzubauen".
Günter Bischof, gebürtiger Vorarlberger, war im Herbst Gastprofessor an der Louisiana State University und wird im Jänner seine Arbeit an der Universität von New Orleans als Geschichtsprofessor wieder aufnehmen.
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