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Monday
Nov102008

Höhepunkt einer stillen Revolution

06.11.2008 | 18:44 | GASTKOMMENTAR VON GÜNTER BISCHOF (Die Presse)

Ein schwarzer Präsident wird das neue amerikanische Symbol dafür sein, dass man in einer sozial heterogenen Welt zusammenleben muss.

Nach einer Rekordbeteilung von 130 Millionen Wählern hört man das große Aufatmen im Land. In den Kabelfernsehsendern CNN, FOX und CNBC gab es seit Monaten nur noch 24-Stunden-

Wahlkampfberichterstattung – der Rest der Welt existierte kaum mehr. Das amerikanische Wahlvolk wurde seit Wochen rund um die Uhr mit Fernseh- und Radiowerbung bombardiert. Auf dem Internet bekämpften sich die Blogger wie mittelalterliche Kreuzritter. Und am Telefon konnte man der hässlichen Negativwerbung der automatischen „robo calls“ nicht entkommen. Selbst wenn man in die Kirche ging, wurde man daran erinnert, man solle dem Kandidaten, der „Leben schützt“, die Stimme geben. Kurzum, nach dieser emotional so anstrengenden Wahl hängt das interessierte Wahlvolk wie abgekämpfte Boxer in den Seilen.

Der materielle und emotive Aufwand markiert eine in jeder Hinsicht historische Wendewahl. Was viele in diesem Land und in der Welt nicht glauben konnten – den Amerikanern gelang es, über die tiefen Schatten ihrer eigenen Vergangenheit zu springen und den ersten Afroamerikaner in der Geschichte zum Präsidenten zu wählen. Nach 250 Jahren Sklaverei und 100 weiteren Jahren Rassentrennung, wurden in den 1960er-Jahren den Schwarzen gleiche politische Bürgerrechte zuerkannt. Der tiefe Rassismus in weiten Teilen des Landes ließ zwar keine soziale und ökonomische Gleichstellung zu. Doch trotz aller Hindernisse machten die Afroamerikaner Fortschritte im Sport und in der Unterhaltungsindustrie sowie als Lokalpolitiker. Über 90 Prozent der schwarzen Wähler (darunter zahlreiche Erstwähler) und 68 Prozent der Latinos stimmten für Obama. Sein Einzug ins Weiße Haus markiert den Höhepunkt dieser stillen Revolution, der langsamen Inklusion der Minderheiten in diesem Land.


Immigration war kein Wahlkampfthema

Ein schwarzer Präsident Obama wird das neue amerikanische Symbol dafür sein, dass man in einer zunehmend sozial heterogenen Welt zusammenleben muss. Wadlbeißerische Identitätspolitik und Ausgrenzung der „anderen“ sollte mit diesem historischen Wahlsieg gedämpft werden, und dies nicht nur in den USA. Er gibt der Integrationsfähigkeit der amerikanischen Gesellschaft Auftrieb und beweist die Vitalität der erneuerungsfähigen USA, gerade darauf hat Obama in seiner Siegesrede in Chicago hingewiesen. Das Thema Immigration tauchte im Hauptwahlkampf nicht mehr auf. Der einzige Anflug von Xenophobie kam mit der Verteufelung von „Hussein“ Obama als Krypto-„Moslem“, und das zog nur bei ewiggestrigen Jingoes. Ein attraktiver und kommunikativer schwarzer Präsident Obama gibt den USA die Chance, mit den „farbigen“ Völkern der Welt wieder ins Gespräch zu kommen und damit auch den Prestigeverlust in der Welt wettzumachen.

Der vom verbohrten und martialischen Bush-Cheney-Team verursachte Statusverlust der USA in der Welt sollte damit gestoppt sein. Den relativen Niedergang der hegemonialen Stellung in der Welt, der durch die Multilateralisierung in der internationalen Politik nach dem Ende des Kalten Krieges eingeläutet wurde, wird auch Obama nicht mehr aufhalten können. Mit der amerikanischen Vormachtstellung nach dem 2. Weltkrieg kam es auch zum Siegeszug von Demokratie, Kapitalismus und Populärkultur als ideologischen und kommerziellen Exportprodukten Washingtons. Nach dem Kalten Krieg hat dieses amerikanische Wertesystem seinen Glanz verloren, nicht nur erst seit der Finanzkrise. Auch ein attraktiver und eloquenter Präsident Obama wird einsehen müssen, dass „Amerika Inc.“ nicht mehr so leicht zu verkaufen ist.

Die Wahlschlacht 2008 markiert aber auch einen historischen Wendepunkt, weil die Grundregeln politischer Wahlkampfstrategien neu geschrieben wurden. Der Wahlkampf war nicht nur viel länger, sondern auch weitaus teurer als alle zuvor. Obamas gut geschmierte Fundraising-Maschine trieb 600 Millionen Dollar von über drei Millionen Privatspendern auf – von kleinen Leuten, nicht reichen Bonzen. Dieser Kern von „Obamamaniacs“ wird auch die Lobby sein, die auf „Change“ drängen wird. Dieser Befreiungsschlag von der traditionellen Wahlkampffinanzierung durch öffentliche Gelder wird wohl das Ende dieses Finanzierungsmodells bedeuten.


Auch Macho-„Rednecks“ wählten ihn

Obama gelang es über die neuen Medien des Internets (My Space, YouTube, Bloggers), eine ungemeine Politikbegeisterung gerade unter jungen Leuten und Erstwählern loszutreten. Er setzte der Politikverdrossenheit der Desinteressierten und Systementfremdeten ein Ende. Viele schickten ihm ein paar Dollar und stellten sich als Freiwillige in seinem Wahlkampf zur Verfügung. Zehntausende gingen für ihn auf die Straße, Hunderttausende wurden für seine Wahlauftritte mobilisiert. Von Denver bis Berlin wollten die Menschen dem charismatischen Kandidaten näherkommen. Es wird für Obama schwer werden, alle Heilserwartungen seiner Anhänger zu erfüllen.

Obamas Wahlstrategen dehnten die Wahllandkarte auf alle 50 Staaten aus. Sie konzedierten keinen „roten“ Bundesstaat an die Republikaner. Abgesehen vom zutiefst reaktionären tiefen Süden gaben sie sich nirgendwo von vornherein den Republikanern geschlagen. Obama erhielt weit mehr Stimmen von Macho-„Rednecks“ in ländlichen Gebieten der Appalachen und Arbeitern in Ohio und Indiana als Kerry und Gore. Die zynische Kampagne gegen den „Sozialisten“ Obama mit der Instrumentalisierung des bizarren „Joe the Plumber“ ging nicht auf. Obama machte sich nicht lustig über die Kultur dieser weißen Männer, die ihre Jagdgewehre lieben und fundamentalistisch gläubig sind.

*Günter Bischof, *ein gebürtiger Vorarlberger, ist der Marshallplan Professor für Geschichte und Direktor des CenterAustria an der Universität von New Orleans.


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