An Interview with Martin Heintel (in German)

Seit August 2006 ist der Geograph Martin Heintel an der University of New Orleans. Im Interview berichtet er von seinem Arbeitsalltag, erläutert die Unterschiede zwischen europäischer und amerikanischer Wissenschaftstradition und schildert das Leben in einer Stadt, die nach wie vor mit den Folgen des Hurrikans Katrina zu kämpfen hat.

 

Martin Heintel

Martin Heintel

"Zusätzlich sind durch den Hurrikan Katrina in New Orleans zahlreiche neue Fragestellungen im Bereich Stadt- und Regionalentwicklung entstanden", erzählt Heintel, daher sei es aus wissenschaftlicher Sicht spannend, bei diesem Prozess dabei zu sein. Seine Forschungstätigkeit bezieht sich aus aktuellem Anlass auf regionale Entwicklungen im Rahmen der Post-Katrina-Planung.

Redaktion: Im August 2005 wurde New Orleans vom Hurrikan Katrina heimgesucht, der Wiederaufbau ist im Gang. Inwieweit sind Katrinas Spuren noch sichtbar?

Heintel: Nachdem knapp 80 Prozent des Stadtgebietes zum Teil bis zu drei Meter unter Wasser stand, ist die Verwüstung nach wie vor riesengroß, der Wiederaufbau geht äußerst schleppend voran, die meisten Spendengelder liegen noch auf der Bank. Die Gründe dafür sind vielfältig, eine Aufzählung würde hier den Rahmen sprengen. 

Vom fachlichen Interesse beschäftigt mich natürlich die Frage, wer für Planungsprozesse dieser Art die Verantwortung übernimmt. Nachdem dies zwischen privaten und politisch legitimierten Interessen noch nicht geklärt scheint, stockt jede Vorgangsweise. Zudem sind in der Regel nach wie vor die Versicherungszahlungen an Privathaushalte offen. Die Frustration der vielfach noch in Trailern lebenden Bevölkerung ist enorm.

Auf der anderen Seite gibt es Stadtteile wie das French Quarter oder den Garden District, die weitgehend von Katrina verschont geblieben sind, weil sie über dem Meeresspiegel liegen.

Für TouristInnen und KonferenzteilnehmerInnen sind die Spuren Katrinas jedoch kaum sichtbar. Umso wichtiger wäre es daher für die Zukunft der Stadt, dass diese beiden Wirtschaftszweige wieder Fuß fassen könnten. Die Katastrophenberichterstattung in den Medien hat dem Tourismus massiv geschadet. Auch die Universität leidet unter einem Rückgang an Studierenden, da nach wie vor zahlreiche evakuierte Familien nicht nach New Orleans zurückgekehrt sind.

Für mich und meine Familie persönlich schwierig war die Wohnungssuche in der Stadt, da nach wie vor etwa 150.000 Haushalte zerstört sind. Die Mieten sind somit extrem hoch. Die ersten drei Wochen bin ich von Baton Rouge (120 km entfernt) mit dem Pkw gependelt, das war mein Einstieg in den "American way of life". Letztendlich hatten wir aber Glück und haben ein Appartement am Rand des French Quarter gefunden.


Redaktion: Wie sieht Ihr Alltag derzeit aus?

Heintel: Mein Arbeitsalltag beginnt mit einer öffentlichen Busfahrt vom French Quarter zum Campus, wo ich mein Büro am Department of Geography habe. Ich gehöre zur absoluten Minderheit, die nicht mit dem Auto an die Uni fährt und habe mir damit ein bisschen "Wiener Tradition" bewahrt. Die Arbeitszeiten sind nicht anders als an der Universität Wien. In der Früh wird meist die "Europakorrespondenz" via E-Mail erledigt. Am Montag und Mittwoch habe ich je drei Stunden Lehrveranstaltungen, zu Geography, Urban Planning und Political Science. Die Themen beziehen sich auf Stadt- und Regionalentwicklung und beinhalten auch Vergleiche zwischen der EU und den USA.


Die übrige Zeit steht für Forschungsarbeiten und die Vorbereitung der Lehre zur Verfügung, auch konnten einige Paper abgeschlossen werden. Zusätzlich muss ich von hier aus bereits einiges für Wien vorbereiten. Es ist gar nicht möglich, "komplett auszusteigen", denn Diplomarbeiten, Projekte und Kooperationszusagen laufen ja weiter.


Redaktion: Konnten Sie große Unterschiede zwischen Österreich und den USA hinsichtlich Wissenschaftskultur, Lehr- und Lerntraditionen feststellen?


Heintel: Ich war von der Bürokratie in den USA und an der Universität insgesamt sehr überrascht: Die ersten vier Wochen meines Aufenthalts war ich hauptsächlich mit "Paperwork" beschäftigt. Das hat "österreichische Standards" bei weitem übertroffen. Bisherige Gastprofessuren innerhalb der EU waren vergleichsweise mit wenig Bürokratie verbunden.

Die Lehre erlebe ich in Vorbereitung, Nachbereitung und Kommunikation deutlich aufwändiger als im europäischen Vergleich. Nicht nur durch die zum Teil hohen Studiengebühren bedingt, "fordern" die Studierenden die Vortragenden hier mehr. Permanentes Feedback, mehrere Hausaufgaben und Zwischenprüfungen sind Teil der Lehr- und Lernkultur. 
Was den Wissenstransfer betrifft, so erlebe ich eine sehr starke Orientierung Europas an den USA, weniger in umgekehrter Richtung. Hier bedarf es einer kritischeren Position je nach Universität, Fachrichtung und Fragestellung von europäischer Seite. Gleichzeitig sind die USA aber natürlich ein riesiger "Wissenschaftsmarkt", der gemeinsam mit der globalen Vernetzung der meisten amerikanischen Universitäten ein unglaubliches Potenzial für die Forschung und neue Fragestellungen insgesamt darstellt.


Redaktion: Fühlen Sie sich in Ihrer derzeitigen "Gastheimat" wohl?


Heintel: Nachdem ich im Rahmen meiner Lehr- und Forschungsaktivitäten regelmäßig im Ausland bin, habe ich die Eigenschaft entwickelt, "immer dort zu Hause zu sein, wo ich gerade bin". Das erleichtert Mobilität enorm, unabhängig davon freue ich mich aber immer wieder von Neuem auf Wien. Nachdem mich meine Familie hierher begleitet hat und New Orleans eine Stadt ist, die einem das Leben in vielfältiger Weise leicht macht, ist es nicht sehr schwer, sich hier "wohl" zu fühlen. Wir haben in der Stadt und allem voran natürlich an der UNO so viel Unterstützung und Freundlichkeit erfahren, dass der Abschied von hier nicht so leicht fallen wird. Aber auf diese Art beginnen dann ja meistens längerfristige Kooperationen und Austauschbeziehungen ...


Redaktion: Vermissen Sie etwas an der Universität Wien oder an Wien?


Heintel: Durch E-Mail/Internet und langjährige stabile Kooperationen mit vielen KollegInnen in Wien kann über einen überschaubaren Zeitraum viel kompensiert werden, dennoch bleibt so manches "Atmosphärisches" verborgen, was manchmal gut, manchmal aber auch von Nachteil sein kann. Insgesamt halte ich ein Jahr für zu kurz, um wirklich Wesentliches zu vermissen. Einzig die Freizeit gestaltet sich in Louisiana etwas schwieriger: Da Jagen und Fischen im "Sportsman's Paradise" nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen zählen, freue ich mich schon wieder auf ein Leben über dem Meeresspiegel und ganz besonders auf die Wiener Hausberge.

Redaktion: Wie werden Sie Ihre neuen Erfahrungen nach Ihrer Rückkehr an der Universität Wien einbringen?


Heintel: Zum einen ist es interessant, das viel zitierte amerikanische Unisystem von innen kennenzulernen. Das Tenure-System, wo bei regelmäßigen positiven Evaluierungen durchgängige Laufbahnmodelle möglich sind, erleichtert es v.a. jüngeren WissenschafterInnen, am Ball zu bleiben. Der Anspruch auf regelmäßige Sabbaticals ist ebenfalls ein sehr positiver Teil der Wissenschaftskultur in den USA. Inhaltlich fließt natürlich sehr viel an neuem Wissen und Erfahrungen in Forschung, Lehre, Universitätsadministration und v.a. auch in Vergleiche zur Regionalentwicklung zwischen Europa und den USA ein.

Ein transatlantisches Kooperationsprojekt zu diesem Vergleich ist bereits angedacht. Konkret habe ich vor, die Kontakte vor Ort zu nutzen und diese auch Studierenden des Instituts für Geographie und Regionalforschung im Rahmen einer Auslandsexkursion zugänglich zu machen. Zusätzlich ist eine weitere Kooperation mit der University of New Orleans (UNO) im Rahmen von "Summer School"-Programmen der UNO in Europa in Planung. (sk/mh)

 

Die University of New Orleans (UNO) ist Teil der Louisiana State University und wurde 1958 gegründet. Der Main Campus liegt am Lake Pontchartrain. Zwischen der UNO und Österreich gibt es bereits seit den 1970er Jahren enge Verbindungen. Das Center Austria an der UNO ist neben den Centers und Programmen in Minnesota, Stanford, Harvard und Edmonton ein wichtiger Kooperationspartner für transatlantische Beziehungen in Nordamerika und bietet eine optimale unterstützende Plattform zur Vorbereitung eines Auslandsjahres in den USA.